Urban Transport Magazine
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Solingen eröffnet seine erste „BOB“-Linie mit In-Motion-Charging

Solaris Trollino 18.75 Wagen 864 bei der Eröffnung von BOB-Bus-Linie 695 am Rathaus Solingen | © Christian Marquordt

Obusbetrieb seit 1952

Solingen – wegen seiner namhaften Industrie, die Schneidewerkzeuge herstellt, bekannt geworden als „Klingenstadt“ – eröffnete am 19. Juni 1952 seinen Obusbetrieb. Damit war Solingen eine der letzten deutschen Städte, in der dieses Verkehrsmittel in Betrieb genommen wurde. Aber anders als fast alle anderen deutschen Städte, die einmal Obusse gehabt haben, hat Solingen seinen Trolleybusbetrieb nicht eingestellt. Vielmehr hat die Stadt heute einen von nur noch drei Obusbetrieben in Deutschland, und unter denen sogar den größten.

Bislang vier Generationen von Obussen

Der Betrieb ist seit 1952 nach und nach gewachsen. Bei den Fahrzeugen setzte man anfangs auf den nachgerade legendären Uerdingen ÜH III s mit Henschel-Komponenten – wegen seiner Henschel-Komponenten wird der Wagen auch gerne als Henschel bezeichnet, obwohl er aufgrund seiner selbsttragenden Bauweise eben ein Uerdingen ist. Ab Ende der sechziger Jahre kam die zweite Generation der Solinger Obusse in den Verkehr, und die waren allemal ungewöhnliche Fahrzeuge. Es gab gleich 80 von ihnen. Der damalige Chef der Stadtwerke Solingen, Dipl.-Ing. Meis, hatte die zwölf Meter langen Dreiachser im Wesentlichen selber „gezeichnet“, und dabei hatte er sich von den italienischen „Filobussen“ der dreißiger und vierziger Jahre inspirieren lassen. Die Wagen entstanden auf Fahrgestellen von Krupp – obwohl der Essener Hersteller den Bau von Nutzfahrzeugen damals eigentlich schon eingestellt hatte – und ihre Aufbauten entstanden in der damals sehr renommierten Essener Karosseriefabrik Gebrüder Ludewig. Die elektrischen Ausrüstungen zogen von den alten Uerdingen in die neuen Wagen um. Zwei Wagen werden vom Obus-Museum Solingen e.V. erhalten, mehr dazu hier:

https://urban-transport-magazine.com/weiterer-trolleybus-aus-argentinien-zurueck-nach-solingen/

Als dritte Obus-Generation bekam Solingen Wagen eines wesentlich bekannteren Busbauers, nämlich von MAN. Bei den 12 Meter langen Solowagen blieb man allerdings beim Dreiachser, und so bekam die Klingenstadt auch hier wieder Wagen, die es neu nur in Solingen gegeben hat.

Mit der vierten Obus-Generation stellten die Solinger SWS komplett auf 18 Meter lange Gelenkbusse um. Und die Fahrzeuge waren auch bei weitem nicht mehr so „exotisch“. 2001 kamen Wagen des niederländischen Herstellers Berkhof (inzwischen aufgegangen in VDL) vom Typ „Premier AT 18“, ein Jahr später gab es 20 Wagen aus Belgien: „Van Hool AG 300 T“. 2009 kamen die letzten Zugänge: 15 Gelenkwagen des Schweizer Herstellers Hess vom Typ „BGT-N 2 C“. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch für den Einsatz auf Linienabschnitten ohne Fahrleitung eingerichtet sind, wie es sie auf Linie 683 im Solinger Stadtteil Burg und im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel gibt. Auf diesen Abschnitten ist der Bus mit Strom unterwegs, den er sich mit Hilfe eines Diesel-Generator-Aggregats der Trierer Firma Kirsch selber „herstellt“.

Einer der derzeit ältesten Solinger Trolleybusse, Wagen 173, ein Berkhof
Premier AT 18 vom Jahrgang 2001 | © Christian Marquordt

2018: der „BOB“ kommt

Anfang des vergangenen Jahres stellten die SWS die ersten vier Wagen eines völlig neuen Typs in Dienst (Betriebsnummern 861 bis 864). Erstmals wurden Wagen des polnischen Herstellers Solaris vom Typ „Trollino 18.75“ beschafft. Und auch sie sind wieder so ausgelegt, dass sie auch auf Linienabschnitten ohne Fahrleitung unterwegs sein können. Da, wo Fahrleitung hängt, fahren die Wagen mit dem Strom aus der Leitung. Sie haben aber auch Batterien, die bei der Fahrt unter der Leitung aufgeladen werden, das so genannte „In-Motion-Charging“ (IMC) des Hersteller Kiepe Electric GmbH. Und mit dem so gespeicherten Strom ist der Bus dann auf den Linienabschnitten ohne Fahrleitung unterwegs. Solingen hat für diese Busse einen prägnanten Namen gefunden: „BOB“ – für Batterie-Oberleitungs-Bus.

Zunächst gingen die neuen Trollino auf den bisherigen Solinger Obuslinien 681 bis 686 in Betrieb, besonders gerne auf Linie 683 mit ihren fahrleitungslosen Abschnitten. So konnten die SWS  Erfahrungen mit dem neuen Antriebssystem dieser Busse sammeln. Gedacht waren die Wagen allerdings von Anfang an für Linie 695, die vom Betrieb mit herkömmlichen Dieselbussen auf die „BOB“ umgestellt werden sollte. Und während die neuen Solaris auf den bisherigen Obuslinien liefen, war Zeit genug, Linie 695 für den Einsatz der BOB umzubauen. Das betraf in erster Linie deren Schleife „Abteiweg“ im Stadtteil Gräfrath.

31. Oktober 2019: Umstellung von Linie 695 auf BOB

Am letzten Tag des Oktobers war es nun so weit. Linie 695 wurde auf den Betrieb mit den Batterie-Oberleitungs-Bussen der SWS umgestellt. Um 14.50 Uhr erreichte zum letzten Mal ein Dieselbus aus Richtung Meigen auf Linie 695 die Haltestelle Rathaus. Hier warteten schon zwei der Solaris „BOB“. Einer von beiden (Wagen 864) übernahm die Fahrgäste des Dieselbusses, der zweite (Wagen 863) startete mit den eingeladenen Gästen der SWS zur „Jungfernfahrt“ Richtung Abteiweg.

Herr Bonhoff vom Bundesverkehrsministerium, Solingens Oberbürgermeister Tim
Kurzbach und Cem Özdemir, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestags,
durchschneiden zur Eröffnung der BOB-Linie ein Band in den Solinger Stadtfarben blau / gelb | © Christian Marquordt

Bemerkenswert für das neue Konzept des Betriebs von Linie 695 ist, dass die BOB vom Abteiweg über Meigen bis zurück zum Abteiweg nur zu 30 Prozent unter Fahrleitung unterwegs sind. Konkret sieht das so aus: vom Abteiweg bis zur Unionstraße fährt der Bus mit dem Strom aus seinen Batterien, von Unionstraße bis zur Clemenskirche nutzt er die Fahrleitung der parallel verlaufenden Obuslinie 683, und ab Clemenskirche bis Meigen wird wieder mit dem Strom aus den Batterien gefahren. Damit sind die BOB zu 70 Prozent mit Strom aus ihren Batterien unterwegs und nur zu 30 Prozent mit Energie aus der Fahrleitung. Bei mehr als zwei Dritteln Fahrt ohne Oberleitung kann man ja fast schon überlegen, ob diese Busse eigentlich noch Obusse sind oder ob sie nicht in Wirklichkeit eher Batteriebusse sind, die mal „gelegentlich“ zum Nachladen auf die Hilfe einer Oberleitung zurück greifen …

Immerhin haben die SWS an der Endstation Abteiweg zur Sicherheit doch noch einen Masten zur Nachladung der Batterien installiert, den man ursprünglich nicht geplant hatte. Nach der Ankunft an der Endhaltestelle lässt der Bus mit Hilfe von Druckluft seine beiden Stromabnehmer-Stangen zu zwei Trichtern am Mast aufsteigen, in denen die Stangen Kontakt zur Stromversorgung bekommen, um so auch hier ihre Batterien aufzuladen. Wie gesagt: diese Nachladestation hielt man ursprünglich für unnötig, man hat sie vorsichtshalber aber doch installiert. Immerhin bleibt zu beachten: die BOB haben hier nur einen Auflademast, auf alles andere wie viele Meter Fahrleitung kann gerne verzichtet werden.

Wagen 864 unter dem Nachlademast am Abteiweg | © Christian Marquordt

Die Solinger Stadtwerke wollen in den kommenden Jahren ihren gesamten Omnibuspark zu 100 Prozent auf „BOB“ umstellen. Weder für reine Dieselbusse noch für reine Obusse werde es in Zukunft noch Bedarf in Solingen geben. Und weil die BOB ja den größeren Teil ihres Linienwegs ganz ohne Fahrleitung zurücklegen können, könne man wohl sogar auch Fahrleitung in der Stadt demontieren. Es müsse ja nur so viel Leitung übrig bleiben, dass die BOB ausreichend nachladen können….

Solaris Trollino 18.75 Wagen 864 bei der Eröffnung von BOB-Bus-Linie 695 am Rathaus
Solingen | © Christian Marquordt

05.11.2019

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