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Salzburg: Batterie-Oberleitungs-Busse von Hess

Testfahrt des HESS Batterie-Trolleybusses abseits der Fahrleitung | Alle Fotos: © Salzburg AG Presse

Am Dienstag, dem 27. August, traf beim Verkehrsbetrieb in Salzburg mit Wagen 401 der erste Bus einer völlig neuen Bauart ein, die es nicht nur bisher noch nicht in Salzburg gegeben hat, sondern die bislang auch weltweit noch durchaus selten ist. Die Rede ist von Batterie-Oberleitungs-Bussen, die da, wo eine Fahrleitung für Trolleybusse über der Fahrbahn hängt, mit dem Strom aus dieser Fahrleitung fahren und zugleich mit dem Strom aus der Fahrleitung ihre Batterien nachladen, damit sie auf Linienabschnitten ohne Fahrleitung mit dem in den Batterien gespeicherten Strom fahren können. Dieses System macht es möglich, Trolleybuslinien zu verlängern oder Dieselbuslinien auf elektrischen Betrieb umzustellen, ohne auch nur einen einzigen Meter neuer Fahrleitung verspannen zu müssen.

Ankunft im Depot Alpenstraße in Salzburg | © Salzburg AG Presse


Bei uns in Europa gibt es solche Batterie-Oberleitungs-Busse zum Beispiel auch in Solingen, Esslingen und bald im französischen Saint Etienne. In allen drei Städten kommen die entsprechenden Busse vom polnischen Hersteller Solaris, der ohnehin auf dem Gebiet der alternativen Antriebe für Busse (Stichwort: „weg vom Diesel“) sehr aktiv ist. Solingen „erfand“ für diese Wagen das Kürzel „BOB“, das sich natürlich von Batterie-Oberleitungs-Bus ableitet. Und Solingen liefert auch ein sehr schönes Beispiel dafür, was man mit solchen BOB machen kann: hier wird Dieselbuslinie 695 auf den Betrieb mit BOB umgestellt. Sie fährt vom Abteiweg im Stadtteil Gräfrath in den Stadtteil Meigen, wobei ein wesentlicher Teil ihres Linienwegs identisch ist mit dem von Trolleybuslinie 683. Was liegt näher, als die Fahrleitung von Linie 683 auch für Linie 695 zu nutzen und die 695 da, wo es keine Fahrleitung gibt, mit dem Strom aus den Batterien der Busse zu betreiben? Wobei beindruckend ist, dass die Wagen auf Linie 695 nur auf 30 % ihres Linienwegs eine Fahrleitung brauchen, die restlichen 70 % der Linie schaffen sie mit dem Strom aus ihren Batterien. Solche Batterie-Trolleybusse Systeme anderer Hersteller haben zum Teil unterschiedliche Bezeichnungen wie Hybrid-Trolleybus, In-Motion-Charging , Dynamic charging und sicher noch einige mehr.

In Salzburg stand jetzt die Verjüngung und teilweise Erneuerung des teils doch schon in die Jahre gekommenen Trolleybusparks an. Zugleich wollte man die Linie 5 nicht zuletzt auf Betreiben der Nachbargemeinde Grödig über ihre bisherige Endhaltestelle Birkensiedlung hinaus nach Grödig verlängern. Der Ort hatte am 1. November 1953 mit der Einstellung der südlichen Salzburger Lokalbahnlinie den Anschluss an den elektrischen ÖPNV der Landesshauptstadt verloren; seither waren (und sind) hier Dieselbusse unterwegs.

Nicht zuletzt wegen des Klimawandels und der chronischen Verkehrsüberlastung im Grossraum der Landeshauptstadt entschied Salzburg sich, als neue Fahrzeuge Batterie-Oberleitungs-Busse anzuschaffen. Die Wagen wurden Ende 2018 EU-weit ausgeschrieben: aufgrund der eingegangenen Angebote wurde der Auftrag allerdings an Firma Hess, ein Unternehmen aus der Schweiz und mithin nicht aus der Europäischen Union, vergeben.

Die erste Generation von Niederflurtrolleybussen von Gräf&Stift 1993-97 geliefert, wird ersetzt | Foto: D. Budach (2009)


Salzburgs „eObus“: der Hess BGT-N 1 D

Die neuen Wagen, die in Salzburg übrigens nicht „BOB“, sondern „eObus“ genannt werden (ist das nicht so ein ganz klein bisschen „doppelt gemoppelt“ ?), sind vom Typ „Hess BGT-N 1 D“. Gerne werden die Obusse von Hess auch „Swiss-Trolley“ genannt. Die Typenbezeichnung erklärt sich wie folgt:

B = Bus
G = Gelenk
T = Trolley
N = Niederflur
1 = Anzahl der angetriebenen Achsen

Die „eObusse“ haben die ohne Ausnahmegenehmigung maximal zulässige Länge von 18.750 mm und ein zulässiges Gesamtgewicht von 29.000 kg. Damit liegen sie um eine Tonne über den bislang höchstens erlaubten 28 Tonnen. Sie bieten Platz für 155 Fahrgäste, von denen 38 sitzen können, für die übrigen Passagiere gibt es 117 Stehplätze. An der zweiten Tür des Vorderwagens gibt es zwei Stellplätze für Rollstühle.  An der dritten Tür (der ersten Tür im Hinterwagen) findet sich im Unterschied zu Salzburgs bisherigen Gelenkwagen eine zusätzliche Plattform. Und bei der Plattform an der vierten Tür ganz im Heck des Wagens ist es auch bei den heuen „eObussen“ geblieben.  Für die Information der Fahrgäste gibt es im Innenraum zwei Monitore.

Die Wagen zeichnen sich durch ein „selbstlernendes Energie-Management-System“ sowohl für den Betrieb aus der Fahrleitung als auch aus den Batterien aus. Das System soll die ideale Ladestrategie für die Traktionsbatterien definieren. Es speichert anhand einer virtuellen Streckenkarte den jeweiligen Ladezustand der Batterien und den Energieverbrauch je Streckenabschnitt. So kann „vorausschauend“ nachgeladen werden, Spitzenlasten können geglättet werden. Die Steuerung von Heizung, Lüftung und Klimatisierung lässt sich so zur Schonung der Batterien optimieren. Denn sie sollen so weit wie irgend möglich entlastet werden, damit sie möglichst lange leben.

Der Auftrag an Hess geht über insgesamt 15 Wagen mit den Betriebsnummern 401 bis 415. Zehn von ihnen sollen noch in diesem Jahr geliefert werden, die restlichen fünf in 2020.

Zur Verlängerung der Obus-Linie 5

Zur Verlängerung der Obus-Linie 5 nach Grödig: ab der bisherigen Endhaltestelle Birkensiedlung  fährt sie weiter bis zur Talstation der Untersbergbahn in Sankt Leonhard, einem Ortsteil von Grödig. Das sind 4,2 zusätzliche Kilometer. Die Fahrtstrecke der Verlängerung geht über die Berchtesgadener Straße, die Eichetstraße und die Grödiger Hauptstraße. Die Unterwegs-Haltestellen der heutigen Dieselbus-Linie 35 werden bei Bedarf bedient. Dabei übernehmen die Haltestellen „Grödig Marktplatz“ und „Grödig Gemeindeamt“ die Funktion von zentralen Umsteigehaltestellen  zu den Dieselbuslinien 25, 28 und 35.

Die Eröffnung der Verlängerung von Linie 5 mit den neuen „eObussen“ erfolgt in zwei Schritten. Zunächst fährt ab dem 9. September ein einzelner der neuen Wagen im 90 Mi9nuten-Takt zwischen Hauptbahnhof und Untersbergbahn. Ab 14. Oktober kommt ein zweiter Hess BGT-N 1 D auf die Linie, ab diesem Tag gibt es einen 45-Minuten-Takt. Dabei handelt es sich hierbei um ein zusätzliches Angebot: die bisherigen Fahrpläne der Linie 5 und der Dieselbuslinie 35 gelten unverändert weiter. Ab dem internationalen Fahrplanwechsel am 15. Dezember allerdings fährt dann jede zweite Fahrt von Linie 5 über Birkensiedlung hinaus bis Grödig, was dem neuen Teilstück der Linie einen 20-Minuten-Takt beschert. Linie 35 wird dann auf dem direkten Weg zwischen Fürstenbrunn und Grödig unterwegs sein.

Maßnahmen der Gemeinde Grödig und eine Auszeichnung

Zeitgleich mit der Eröffnung der neuen Linie 5 setzt die Gemeinde Grödig ihr „Verkehrskonzept 2020“ um. Dazu gehören die fußgänger- und fahrrad-freundliche Umgestaltung des Ortszentrums, verkehrsberuhigende Maßnahmen und verbilligte Jahreskarten für die Nutzung des ÖPNV.

Die Verlängerung von Linie 5 und die „eObusse“ sind übrigens mit dem VCO Mobilitätspreis 2018 ausgezeichnet worden.

06.09.2019

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