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Parlamentarischer Abend in Berlin: Gute Aussichten für den Schienenverkehr

Gehört der Diesel bald ins Museum? Hybride- und alternative Antriebe können in absehbarer Zeit auch den Dieselantrieb im Regionalverkehr ersetzen I © UTM

Regelmäßig finden in Berlin sogenannte parlamentarische Abende statt. Im Falle des Schienenverkehrs treffen sich Verkehrspolitiker und Experten für Gespräche und einen multidisziplinären Austausch über strategische und aktuelle verkehrspolitische Themen. Der letzte parlamentarische Abend fand am 23. Oktober 2019 statt.

Bei der vom Deutschen Verkehrsforum (DVF) organisierten Veranstaltung der Parlamentsgruppe Schienenverkehr (PG Schiene) im Deutschen Bundestag nahmen neben dem Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr und Digitale Infrastruktur, Enak Ferlemann MdB (MdB: Mitglied des Bundestages), auch Cem Özdemir, Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur,Michael Donth, MdB, stellv. Vorsitzender PG Schiene, Susanne Henckel, Präsidentin, Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des SPNV e.V. und Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg (VBB), Dr. Günter Zitzler, Leiter Anwendungstechnik Bahnmotoren, Rolls-Royce Power Systems sowie Torsten Schein, Vorsitzender der Geschäftsführung, DB Energie GmbH.

Hauptthemen Verkehrswende und alternative Antriebe

Was muss für die Verkehrswende getan werden? Wie kann die Rolle des Schienenverkehrs gestärkt werden? Wie kann der Elektrifizierungsgrad der Bahn erhöht und die Emissionen reduziert werden? Wie können die Planungen und Planfeststellungen beschleunigt werden?

Diese und ähnliche Fragen wurden vor über 100 geladenen Gästen aus der Wirtschaft, Wissenschaft und Industrie im Rahmen von Vorträgen und einer Podiumsdiskussion diskutiert.

Die deutsche Bundesregierung plant, die Elektrifizierung des Schienennetzes von heute 60 auf 70 % Prozent des Streckennetzes zu erweitern. Mit dem parallelen Einsatz von Zügen mit alternativen Antrieben auf nicht oder nur teilweise elektrifizierten Strecken würde die Schiene annähernd dieselfrei. Die Schiene kann damit einen weiteren wichtigen Beitrag für das Erreichen der deutschen Klimaschutzziele im Verkehr leisten.

Um dies zu erreichen, müssen aber einige Hürden überwunden werden. Regionalfahrzeuge mit alternativen Antrieben müssen ausgeschrieben und finanziert werden. Teilweise ist zusätzliche Infrastruktur, z.B. Ladeinfrastruktur oder Tankstellen, notwendig, die ebenfalls geplant, finanziert und gebaut werden müssen. Dabei geht es auch darum, dass bei der Errichtung der Infrastruktur die Bürger mitgenommen werden und die Planungs- und Genehmigungsprozesse verschlanken und beschleunigt werden.

„Deutschland muss wieder Bahnland werden“

Die politischen und finanziellen Vorzeichen für erhöhte Investitionen in den Schienenverkehr sind sehr positiv. Erst im September hat die Bundesregierung im Rahmen des Klimapakets insgesamt 20 Mrd. EUR für den Zeitraum 2020 bis 2030 bereitgestellt, welche im Rahmen des Verbesserungskonzeptes „Starke Schiene“ umgesetzt werden. Darüber hinaus soll das Eigenkapital der DB bis 2030 um jährlich 1 Mrd. EUR aufgestockt werden. Weitere Mittel fließen der Schiene aus den 40 Mrd. EUR zu, die der Bund zur Verfügung stellt, um die regionalen Auswirkungen des Ausstiegs aus dem Braunkohleabbau bis 2038 auszugleichen. Enak Ferlemann sagte dazu: „Deutschland war mal Bahnland und muss es wieder werden. Die Schiene bekommt in den nächsten Jahren so viel Geld wie noch nie. Es wird vielmehr eine Herausforderung, es zu verbauen. Allein die Bundesmittel für das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzt (GVFG) werden von 330 Millionen auf eine Milliarde, später sogar auf zwei Milliarden Euro aufgestockt.“

Auch der Vorsitzende der PG Schiene und Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur, Cem Özdemir, MdB, freute sich über den Geldsegen für das System Bahn: „Wir benötigen eine umfassende und langfristige Investitionsstrategie auch im Hinblick auf den Klimawandel. Denn der Schienenverkehr ist schon ein umweltfreundlicher Verkehrsträger und soll noch besser werden. Die Diesellok wird bald im Museum stehen und statt dessen Züge mit alternativen Antrieben und Kraftstoffen klimafreundlich rollen.“

In Deutschland seien 60 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert, so Ferlemann. Man müsse, um die Klimaziele zu erreichen, in den nächsten Jahren weitere 10 Prozent elektrifizieren, also rund 3.300 Kilometer und das für die wichtigen Netze im Fern- und Güterverkehr.

Mehr Verkehr auf der Schiene und mehr Elektrifizierungen

„Wir wollen noch mehr Verkehr auf die umweltfreundliche Schiene bringen. Dazu müssen weitere Strecken, auch weniger befahrene, elektrifiziert werden“, ergänzte Michael Donth, MdB, stellv. Vorsitzender PG Schiene. “Ich halte das deutlich aufgestockte Bundes-GVFG für ein geeignetes Instrument, um dies zusammen mit den Ländern voranzubringen. Aber nicht überall wird es volkswirtschaftlich Sinn machen, die Strecken zu elektrifizieren. Da bieten sich -und zwar schon heute- hybride oder wasserstoffangetriebene Fahrzeuge als Alternative an.“

Aus Sicht der Besteller von Nahverkehrsleistungen konnte Susanne Henckel, Präsidentin, Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des SPNV e.V. aus ihrer Erfahrung berichten und zeigte die Probleme bei Elektrifizierung von Strecken auf. Danach ginge der Bestandsschutz verloren, es müssten neue Plan- und Genehmigungsverfahren angefangen werden, die Infrastruktur auch an den Bahnhöfen müsse erneuert werden. Dies alles koste sehr viel Geld und würde so manche Nebenstrecke unrentabel machen. Henckel betonte, dass es für die Erreichung der Klimaziele notwendig sei, dass mehr Menschen den Zug statt das Auto nutzen. Dafür müsse die Bahn zuverlässiger und pünktlicher werden. „Wir brauchen mehr Fahrgäste!“

Zwischenlösung: Hybridzüge

„Der Klimawandel wartet nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir schnell und technologieoffen die besten Lösungen umsetzen. Für eine erfolgreiche Verkehrswende müssen wir endlich nachhaltig die Schiene stärken und dabei alle mitnehmen, auch auf Nebenstrecken im ländlichen Raum. Rolls-Royce bietet umweltfreundliche und zuverlässige Antriebslösungen, die sofort für alle Schienenfahrzeuge und ohne teure Anpassung der Infrastruktur einsetzbar sind. Unser Hybrid ist um 75 Prozent leiser, emittiert bis zu 30 Prozent weniger CO2 und kann deutlich engere Takte bedienen. Mit synthetischen Kraftstoffen wird diese Technologie mittelfristig zudem völlig CO2-neutral alle Ziele erreichen“, erklärte Dr. Günter Zitzler, Leiter Anwendungstechnik Bahnmotoren, Rolls-Royce Power Systems, die technische Machbarkeit einer Umrüstung der Dieselloks auf Hybridantrieb.

Dafür ist eine entsprechende Tank- oder Ladeinfrastruktur notwendig, daher sei es klug, sich zu überlegen, ob man als Betreiber die vorhanden Assets weiter nutzen kann, etwa durch Umrüstung, so Torsten Schein, Vorsitzender der Geschäftsführung, DB Energie GmbH. Schein sagte zu den unterschiedlichen Antriebskonzepten: „Es gibt nicht das eine Antriebskonzept. Die Deutsche Bahn verfolgt daher einen technologieoffenen Ansatz. Die geeignete Wahl und Anzahl der Ladestellen ist von den Gegebenheiten der jeweiligen Strecken abhängig. Wir werden also ein Nebeneinander unterschiedlicher Konzepte sehen, wobei auf Strecken für Personenfern- und Güterverkehr die Elektrifizierung über Oberleitungen das Mittel der Wahl ist.“

„Alternativ angetriebene Schienenfahrzeuge werden sich durchsetzen, wenn sie eine zuverlässige und wirtschaftliche Alternative darstellen, und zwar über die gesamte Lebensdauer hinweg. Die Fahrzeugindustrie muss diese Herausforderung annehmen. Zudem muss der Betreiber der Infrastruktur auf Bestellung sicherstellen, dass zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme alle für den Betrieb notwendigen Lade- bzw. Tankeinrichtungen fertiggestellt und einsatzbereit sind“, sagte Henckel mit Blick auf die Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit. Es bleibt also noch viel zu tun. Aber alle Teilnehmer der Veranstaltung waren zuversichtlich, dass die Signale der Politik und Akteure in die richtige Richtung zeigen und jetzt „nur noch“ Planungen und Projekte in Angriff genommen werden müssen.  

25.10.2019

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