Urban Transport Magazine
Der Öffentliche Personen-Nahverkehr in Stadt und Region
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Die Renaissance der emissionsfreien Obusse in Mexiko-Stadt (Mexico City)

Modernes "Mexikanisches Design": Der erste modernisierte MASA S-500T O-Bus, gebaut 1981, auf der Linie D, erinnert ein wenig an Mexikanische Luchador Masken I Foto: Lic. Uriel German Arano

Mexiko-Stadt mit seinen über 20 Millionen Einwohnern in der gesamten Metropolregion ist seit Jahrzehnten für seine hohe Luftverschmutzung bekannt. Dies liegt nicht nur am Verkehr, sondern auch an der Lage der Stadt. Mexiko’s Hauptstadt liegt auf 2,240 Metern über dem Meer auf einem Bergplateau, umrandet von mehrere Vulkanen.

Obwohl sich die Luftqualität im sogenannten „Tal von Mexiko“ dank Luftreinhaltungsmaßnahmen seit dem Höhepunkt der 80er und 90er Jahre stark verbessert hat, sind verkehrs- und industriebedingte CO2-, NOx- und Feinstaubemissionen nach wie vor ein Problem und Grund für Erkrankungen in der Bevölkerung. Eines der Hauptprobleme ist dabei auch, dass der Pkw-Besitz drastisch gestiegen ist: Seit 1990 hat sich die schiere Anzahl der Autos von etwa 2 auf heute über 4 Millionen Autos verdoppelt.

Der Verfall des O-Bussystems in Mexiko Stadt

Neben den 12 U-Bahnlinien, den 7 Bus Rapid Transit und der letzten verbliebenen Stadtbahnlinie (als Reststück des einstmals ausgedehnten Straßenbahnnetzes) gibt es in Mexiko Stadt nach wie vor ein weitgefächertes O-Bussystem. Die 8 O-Buslinien mit einer Gesamtlänge von 203 km werden von der öffentlichen STE (Servicio de Transportes Eléctricos) betrieben, die auch die Stadtbahnlinie (Tren Ligero) betreibt. Da die Straßenbahn in den 1970er und 1980er Jahren nach dem Bau der U-Bahn-Linien Auslaufmodell war und stillgelegt wurde, hat die STE den Obus konsequent als Zubringer für das U-Bahn-System weiterentwickelt. Zusätzlich wurden drei wichtige O-Buskorridore mit Busspuren und einem so genannten „zero emisiones“ Branding eingeführt. Zum Ärgernis der Fahrgäste stiegen dabei auch die Ticketpreise von 2 auf 3 Pesos auf den entsprechenden Linien.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das O-Bussystem in Bezug auf Wartung und Investitionen zusehends vernachlässigt. Während das Netz im Jahr 2007 noch eine Länge von 492,61 km mit 18 Linien hatte, waren im Jahr 2014 nur noch 8 Linien mit einer Länge von 203,64 km übrig. Dies entspricht einer Verkleinerung von 41%! Nach offiziellen Angaben besteht die heutige O-Busflotte aus 339 Fahrzeugen, von denen aber nur ca. 135 Fahrzeuge betriebsbereit sind. Die ältesten Fahrzeuge stammen aus dem Jahr 1975, die jüngsten Fahrzeuge aus 1999. Dabei handelt es sich um folgende Fahrzeuge:

  • 4 New Flyer Busse mit Rollstuhrampe und somit die einzigen PRM-gerechten O-Busse der STE, Baujahr 1975, 1987 aus Edmonton übernommen, Seriennummern 3200, elektr. Ausrüstung von Kiepe (vor Modernisierung GE)
  • 33 von ursprünglich 40 MASA-Toshiba, Baujahr 1981, Seriennummern 4200, elektr. Ausrüstung: Chopper GTC und Thyristoren
  • 49 von ursprünglich 56 MASA-Toshiba, Baujahr 1984, Seriennummern 4300, elektr. Ausrüstung: Chopper GTC und Thyristoren
  • 36 von ursprünglich 59 MASA-Toshiba, Baujahr 1984, Seriennummern 4400, elektr. Ausrüstung: Chopper GTC und Thyristoren
  • 19 von ursprünglich 30 MASA-Mitsubishi Fuso (1. Generation), Baujahre 1984 – 88 Seriennummern 4700, elektr. Ausrüstung: Chopper GTC und Thyristoren
  • 9 von ursprünglich 15 MASA-Kiepe, Baujahr 1990, Seriennummern 7000, elektrische Ausrüstung von Kiepe
  • 189 von ursprünglich 200 MASA-Mitsubishi Fuso der 2. Generation, 2. Bauserie, Baujahr 1997, Seriennummern 9700, 2. Bauserie, Baujahr 1999, Seriennummern 9800, elektr. Ausrüstung: VVVF Umrichter mit IGBT’s

Die Erneuerung der O-Busflotte

Die geringe Fahrzeugverfügbarkeit, der sinkende Komfort gingen an der Servicequalität und Taktdichte nicht spurlos vorbei. Von ehemals über 200.000 Fahrgästen pro Tag sind die Fahrgastzahlen auf heute ca. 149.000 gesunken. Die lokalen Medien prangern die Situation seit Jahren an, da doch gerade der emissionsfreie O-Bus zur Verbesserung der Stadtluft beiträgt.

Die Dinge ändern sich jetzt offenbar zum Besseren. Mit der neuen Stadtverwaltung, die im Dezember 2019 unter der Leitung von Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Sheinbaum, Umweltingenieurin und mit dem Nobel Preis ausgezeichnetes ehemaliges Mitglied des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), ihre Arbeit aufnahmen, sind umfangreiche Investitionen in die ÖPNV Verkehrsträger Metro, O-Bus, Stadtbahn und in konventionelle Busse geplant.

40 neue O-Busse für Mexiko Stadt

Um die Modernisierung des veralteten Trolleybus Systems zu beschleunigen, wurden bereits Anfang des Jahres insgesamt 30 (später erhöht auf 40) neue Fahrzeuge ausgeschrieben. Im Mai 2019 wurde der Chinesische Hersteller Yutong als Lieferant für die neuen O-Busse ausgewählt. Der Gesamtauftragswert wird mit 290 Mio. MEX (ca. 13,4 Mio. EUR oder ca. 334.000 EUR pro Obus) angegeben. Die neuen Oberleitungsbusse haben eine Länge von 12 m und eine Kapazität für 84 – 90 Fahrgäste, davon 56 – 62 Steh- und 28 Sitzplätze. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 70 km / h. Darüber hinaus werden die neuen Fahrzeuge mit Lithium-Phosphat-Batterien ausgestattet, die eine oberleitungsfreie Reichweite von 70 km ermöglichen. Dies entspricht der dreifachen Gesamtlänge der O-Buslinie A, die die beiden Nord- und Süd-Busbahnhöfe miteinander verbindet. Die ersten neuen Trolleybusse werden voraussichtlich Mitte November 2019 in Mexiko Stadt eintreffen. Anfang Februar 2019 wurde einer der Yutong-Trolleybusse aus Marrakesch, Marokko, für einige technische Testfahrten nach Mexiko Stadt gebracht, ging aber nicht in den Linienverkehr. Es ist davon auszugehen, dass die neuen Oberleitungsbusse von Mexiko Stadt auf dem Modell für Marrakesch basieren, das seit 2017 in Betrieb ist. Der unterlegene Bieter ist der lokale mexikanische Bushersteller DINA, der seit 2016/17 einen 12,4-Meter-Niederflurbus Ridder E in Mexiko-Stadt testete. Baugleiche Fahrzeuge kommen in Guadalajara in Zentral-Mexiko zum Einsatz.

Modernisierung der über 30jährigen Flotte

Neben der Beschaffung von Neufahrzeugen sollen auch die Altfahrzeuge fit für die Zukunft gemacht werden. Erst kürzlich präsentierten die STE den allerersten modernisierten Oberleitungsbus der Type MASA-Toshiba, der mit dem Baujahr 1981 bereits 38 Jahre alt ist. Die gesamte Karosserie einschließlich der Front und Heck wurden neu erstellt und zeigen sich in einem modernen „Mexikanischen Design“. Die originale Chopper GTC- und Thyristor Steuerung blieben dabei erhalten – die Fahr- und Bremselektronik wurden aber dabei optimiert – das Fahrzeug fährt deutlich ruckfreier als vorher. Der modernisierte Oberleitungsbus 4202 mit dem Typenbezeichnung MASA S-500T wurde im Juli 2019 in Betrieb genommen und dient als Vorserien- und Testfahrzeug um abzuwägen, ob weitere Modernisierungen der MASA-Flotte sowohl in wirtschaftlicher als auch in technischer Hinsicht sinnvoll sind. Die „neue“ MASA S-500 T verkehrt von Montag bis Freitag auf der Linie D „Eje 7-7A Sur“ zwischen San Andrés Tetepilco und der U-Bahn Endstation Mixcoac.

Weitere Informationen über das ÖPNV System finden sich in der aktuellen Ausgabe des „Stadtverkehr“ 7-8/2019, S. 40 ff.:

https://stadtverkehr.de/


Die 8 verbliebenen O-Bus Linien von Mexiko Stadt – 2007 waren es noch 18 Linien – bei den Linien A, D und S handelt es sich um sogenannte Hauptkorridore mit eigener Busspur und eigenem Tarif I Quelle: STE
14.08.2019