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125 Jahre Straßenbahn Gotha und 90 Jahre Thüringer Waldbahn

Zum Jubiläum gab es zahlreiche Fahrten mit historischen Fahrten - im Bild der 1967 in Gotha gebaute G4 I © Stefan von Mach

„Die Straßenbahnen ist aber toll“, sagte ich zu meinem Großvater, als an einem Sommermorgen im Jahr 1997 ein ehemaliger Bochumer Gelenktriebwagen GT6 in auffälliger gelb-blauer Lackierung aus dem Depot an der Waltershäuserstraße rangierte. Das war meine erste Begegnung mit der Thüringerwald- und Straßenbahn und es sollten viele weitere Besuche folgen. Die Begeisterung für eine der schönsten Straßenbahnstrecken Deutschlands und ihren Wagenpark ist geblieben, auch wenn sich seitdem natürlich einiges geändert hat. Ich fotografiere nicht mehr mit einer „Sucherkamera“ und die sowohl die Bochumer als auch die Mannheimer Sechsachser gibt es nicht mehr. Zumindest nicht in Betrieb – einige Fahrzeuge haben hier und da überlebt: Als Aufenthaltsräume und einen Mannheimer GT6 gibt es sogar noch als abgestelltes Reservefahrzeug. Über 20 Jahre ist mein erster Ausflug nach Gotha her und als ich hörte, dass die Straßenbahn dieses Jahr ihr 125-jähriges und die Waldbahn ihr 90-jähriges Jubiläum feiern, war klar: Da musst du hin!

Am Wochenende 21. und 22. September 2019 organisierten zu diesem Doppeljubiläum die Straßenbahn Gotha und der Thüringer Waldbahn und der Verein Gothaer Straßenbahnfreunde e. V. mehrere Veranstaltungen für Familien und Fans. Dabei kamen zahlreiche historische Straßenbahnen der Thüringer Wald- und Straßenbahn Gotha zum Einsatz und am 21. September gab es einen großen Tag der offenen Tür im Depot. Dabei gab es auch zwei ganz besondere Gäste: Der 1934 in Wismar gebaute Triebwagen der Straßenbahn Nordhausen war zu Gast und der vom VEB Waggonfabrik Gotha / LEW im Jahr 1963 gebaute Triebwagen 47 wurde erstmals nach seiner Instandsetzung gezeigt.  Letzterer ist aber noch nicht fahrfähig. Nun aber zur Geschichte der beiden Bahnen, die Gotha mit dem Thüringer Wald verbinden.

Ein Blick zurück

Die ersten Planungen für eine Pferdestraßenbahn in Gotha gehen schon auf die 1870er Jahre zurück. Aus Kostengründen konnte die Pferdebahn nie realisiert werden und so dauerte es gute zwei Jahrzehnte, bis der Bau einer nunmehr elektrischen Straßenbahn entschieden wurde. Am 24. Mai 1893 beschloss die Stadt Gotha den Bau einer elektrischen Straßenbahn. Mit der Firma Lahmeyer & Cie., später Elektrizitäts-Actiengesellschaft, aus Frankfurt am Main wurde ein entsprechender Vertrag für den Bau der ersten Straßenbahn geschlossen. Die erste Bahn fuhr am 2. Mai 1894 durch die Straßen Gothas. Betrieben wurde die Bahn durch die Elektrizitätswerke und Straßenbahn Gotha AG (EAG).

Bau der Waldbahn

Der Thüringer Wald war schon seit dem 18. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Goethe mochte es, dem Trubel am Weimarer Hof zu entfliehen und verbrachte regelmäßig ein paar ruhige Tage im Thüringer Wald. Also musste Ende des 19. Jahrhunderts auch eine Schienenanbindung her. 1897 wurde zwischen der Landesregierung und der Gothaer Straßenbahn eine Vereinbarung zum Bau der Überlandbahn geschlossen. Drei Jahre später erhielt die EAG die Konzession für diese Bahn. Die Arbeiten begannen schließlich im Jahr 1914 durch die Thüringer Elektrizitäts-Lieferungsgesellschaft (ThELG), einer Tochtergesellschaft der AEG, mussten aber aufgrund des Ausbruchs des ersten Weltkrieges und der Inflation unterbrochen werden. Die Strecke konnte erst im Jahr 1928 weitergebaut werden und wurde schließlich am 17. Juli 1929 eröffnet. Die Bahn wurde sehr schnell sehr beliebt und wurde sowohl als Ausflugs- als auch für den Berufsverkehr genutzt. Die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges überstand die Bahn weitgehend unbeschadet. 

Die Zeit nach 1945

Im Jahr 1951 wurde der Straßenbahnbetrieb in VEB (K) Thüringerwaldbahn und Straßenbahn Gotha umbenannt und mit neuen Fahrzeugen aus dem Waggonbau Gotha, der den Betrieb mit Neufahrzeugen versorgte. Während in den 1950er Jahren zahlreiche Zweiachser geliefert wurden, produzierte der Waggonbau im Jahr 1967 auch 15 G4 Gelenkwagen. Dabei handelt es sich wohlgemerkt um die letzten in Gotha hergestellten Straßenbahnen, da per Verordnung ab 1967 Straßenbahnen nur noch durch die tschechoslowakische Firma Tatra gebaut werden durften. 

Zurück zur Straßenbahn Gotha: Im Jahr 1964 erhielt die Tram eine Wendeschleife am Hauptbahnhof und im Jahr 1966 in Tabarz, so dass die Einrichtungsfahrzeuge problemlos eingesetzt werden konnten. 1971 wurde die neue Strecke in der Walterhäuser Innenstadt in Betrieb genommen. Im Jahr 1981 erhielt Gotha sechs fabrikneue KT4D Triebwagen von Tatra (Nr. 301 – 306), die teilweise zunächst in beige, anschließend in gelb-weiß für die städtische Straßenbahn und in blau-weiß für die Thüringerwaldbahn ausgeliefert wurden. 

Die Zeit nach der Wende

1991 wurde der Betrieb in Thüringerwaldbahn und Straßenbahn Gotha GmbH (TSWB Gotha) umbenannt und es begann die schrittweise Modernisierung. Dazu gehört auch die Einführung einer gemeinsamen Lackierung, wobei das Gelb der städtischen Straßenbahn mit dem Blau der Waldbahn in eine gelb-blaue Lackierung umgewandelt wurde, die den Fahrzeugen sehr gut steht. Zunächst musste der in die Jahre gekommene Wagenpark ersetzt werden. Im Jahr 1991 wurden sechs gebrauchte GT6 von der Straßenbahn Mannheim übernommen, denen 1993 vier weitere folgten. 1995 erhielt die Waldbahn zudem vier GT6 Zweirichtungsfahrzeuge aus Bochum die ab 1996 zum Einsatz kamen. Die sechs KT4D wurden in Eigenarbeit in Zusammenarbeit mit Kiepe-Elektronik in den Jahren 1997 – 2000 vollständig modernisiert, was den Fahrzeugen den Spitznamen „Kiepetatras“ brachte. Zusätzlich wurden vom Nachbarbetrieb Erfurt in den Jahren 2001 – 2008 zahlreiche KT4D der Baujahre 1981 – 1990 übernommen, von denen heute noch 14 Züge im Einsatz sind. Die Erfurter KT4D kommen teilweise noch in der Erfurter Originallackierung zum Einsatz. Sieben Fahrzeuge (309, 310, 312, 313, 314, 315 und 319) wurden zu KT4Dm modernisiert und erhielten neue Steuerungselektronik. Zwei Triebwagen, 316 und 317, wurden für den Zweirichtungsbetrieb auf der Stichstreckenlinie 6 nach Waltershausen umgebaut.

Neben der Erneuerung der Infrastruktur wurde auch eine Neubaustrecke in Betrieb genommen: Am 23. März 2002 wurde ein Abzweig (zum Krankenhaus) in Sundhausen eröffnet, die von zahlreichen Kursen angefahren wird. Das Streckennetz hat somit heute eine Länge von 7,5 km auf dem Stadtnetz und 18,2 km auf der Thüringerwaldbahn. Die einzige Linieneinstellung fand noch zu DDR Zeiten statt. Die damalige Linie führte von der Huttenstraße mit drei Zwischenstationen zum Hauptfriedhof im Norden der Stadt und wurde am 30. Juni 1985 stillgelegt.

Die Straßen- und Waldbahn heute

125 Jahre nach der Eröffnung der Straßenbahn und 90 Jahre nach der Eröffnung der Waldbahn befinden sich beide Betriebe in einem hervorragendem Zustand. Zwar sind die Fahrgastzahlen seit der Wende gefallen, jedoch konnte der Betrieb dank der politischen und finanziellen Unterstützung und nicht zuletzt dank des Engagements der Thüringerwald- und Straßenbahn überleben. Im Jahr 2016 versuchte ein privater Busunternehmer, den Linienverkehr der Waldbahn zu übernehmen. Der Plan scheiterte aber vor dem Landesverwaltungsamt.

Fit für die Zukunft

Auch heute ist die „Thüringerwaldbahn“ ein beliebtes Ausflugsziel. Über Waltershausen und Friedrichroda (dort gibt es die Marienglashöhle zu besichtigen) führt sie bis nach Tabarz und zieht sowohl Familien als auch Wanderer an.

In den vergangenen Jahren konnten Wald- und Straßenbahn dank weiterer Investitionen fit für die Zukunft gemacht werden. Dazu zählt neben der Installation moderner Lichtsignalanlagen auch der Umbau der Endschleife Hauptbahnhof zu einem modernen ÖPNV Terminal mit Umsteigemöglichkeit zwischen den Zügen der Deutschen Bahn, dem Bus- und Straßenbahnverkehr. Das Dach der neuen Wartehalle vor dem Bahnhofsvorplatz ist mit Goethes Zitat „Denn man reist doch wahrlich nicht, um auf jeder Station einerlei zu sehen und zu hören.“ verziert, welches insbesondere Bei Dunkelheit sehr gut zur Geltung kommt. 

Um den Fahrgästen ein barrierefreies Einsteigen zu ermöglichen, wurden Ende 2011 insgesamt vier GT8N der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) aus Mannheim übernommen, wo sie überflüssig geworden waren. Der erste Planeinsatz erfolgt im Oktober 2012. Nach einem Unfall ist einer Wagen, Nr. 522, verschrottet worden. Anfang 2019 konnte aber ein weiterer GT8N (Nr. 516) aus Mannheim übernommen werden, bei dem es sich allerdings um einen Fahrschulwagen handelt.

Um den Anteil von Niederflurzügen zu erhöhen, beschaffte der Betrieb im Jahr 2018 sechs Straßenbahn der Baselland Transport der Überlandstraßenbahn Basel. Es handelt sich um Wagen der Type Be 4/8, die in den Jahren 1978 – 1981 von der Firma Schindler gebaut und später mit Niederflurmittelteilen, sogenannten Sänften, zu Achtachsern erweitert wurden. Die Anpassungs- und Zulassungsarbeiten dauern nach wie vor an, so dass zum jetzigen Zeitpunkt nicht feststeht, wann die Be 4/8 in den Fahrgasteinsatz gelangen werden. Die Original Gothaer KT4D aus dem Jahr 1981 werden bis auf den Wagen 304, der derzeit eine Hauptuntersuchung mit beiger Lackierung erhält, ausgemustert. Auch die Erfurter KT4D werden somit noch einige Zeit im Bestand bleiben. 

An dieser Stelle sei den fleißigen Veranstaltern und Helfern der
Thüringerwald- und Straßenbahn Gotha sowie den Gothaer Straßenbahnfreunden für die hervorragende Organisation des Jubiläums-Wochenendes gedankt!

Eine Übersicht über die Geschichte und den Wagenpark der Thüringerwald- und Straßenbahn Gotha sowie über die Aktivitäten des Vereins „Gothaer Straßenbahnfreunde e. V.“ befindet sich hier:

Die offizielle Webseite der Thüringerwald- und Straßenbahn Gotha mit Liniennetz- und Fahrplaninformationen befindet sich hier:

http://www.waldbahn-gotha.de

08.10.2019

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